„Zwingli – Der Reformator“ Film ab 15. November

Unter der Regie von Stefan Haupt spielen Sarah Sophia Meyer und Max Simonischek. Ausschnitt aus dem Filmplakat

Das Porträt des Sozialrevolutionärs und prophetischen Geistes ist endlich auf der Leinwand zu sehen.

Noch rechtzeitig, gegen Ende des Zwingli-Jahres, kommt der Spielfilm über den Zürcher Reformator in die heimischen Kinos. Vor 500 Jahren trug Ulrich Zwingli neben Martin Luther zur Neugestaltung Europas bei. Der kraftvolle und mutige Reformator lehnte sich gegen die alte Weltordnung auf und entwickelte ein Konzept für eine neue, menschenfreundliche und gerechtere Gesellschaftsordnung. Diese Ideen breiteten sich rasch in Europa aus.

Eindrucksvoller Bilderbogen

Bei diesem filmischen Kunstwerk handelt es sich nicht um eine Filmbiographie. Der Film will nicht das Leben des Reformators nachzeichnen sondern vielmehr die wichtigsten Stationen der Zürcher Reformation, bei der Zwingli eine Schlüsselrolle spielte und die treibende Kraft war: Daraus ist ein eindrucksvoller Bilderbogen entstanden von der ersten Predigt im Großmünster über die Pesterkrankung, den Widerstand gegen die Römische Kirche mit ihren Auswüchsen und Verirrungen, die wechselvolle Beziehung zu den Täufern, die Liebe zu seiner Frau Anna Reinhart bis zum Krieg gegen die katholischen Kantone, in dem Zwingli sein Leben lassen musste. Die meisten Szenen sind in matten und düsteren Farben gehalten, wodurch die damalige Zeit dem Zuseher nähergebracht wird.

Ulrich Zwingli und Anna Reinhart

Der Film kann auch als Beziehungsgeflecht gesehen werden, in dem Zwingli seine reformatorischen Ideen entwickelt. Da ist die zweite Hauptgestalt, Anna Reinhart, die Zwingli in seiner Pesterkrankung beisteht und gesund pflegt. Dabei verlieben sich die beiden ineinander, sozusagen von der Krankenschwester zur Geliebten. Aber sie wird auch seine Schülerin. Zwingli erzählt ihr von seinen Ideen und von neuen theologischen Ansätzen. Anna wird für ihn zur Gesprächspartnerin auf Augenhöhe und auch so etwas, wie sein Gewissen, wenn sie ihren Mann ermahnt, nicht zu hart gegen die rebellierenden Täufer vorzugehen, oder wenn sie ihn davon abhalten möchte, in den Krieg zu ziehen. Da ist Zwinglis Freund, Leo Jud, der mit ihm die Bibel ins Deutsche übersetzt und auch sonst zwar im Hintergrund agiert aber ein treuer Weggefährte und Mitstreiter ist. Da ist die Beziehung zu Zwinglis einstigen Weggefährten, den Täufern. Mit ihrer Radikalität wächst die Entfremdung zu Zwingli. Da ist ein anderer Mistreiter, Jakob Kaiser, der voller Eifer das Evangelium auch in die katholischen Orte tragen möchte und dafür am Scheiterhaufen verbrannt wird. Und da ist seine Beziehung zum Bürgermeister Roist, den Zwingli für sich gewinnen kann.
Der Film zeigt Zwingli als schillernde Persönlichkeit, der konsequent sein reformatorisches Werk vorantreibt aber auch pragmatisch, diplomatisch und besonnen handelt.

Reformation wird verständlich

Die reformatorischen Bestrebungen werden für die Zuseher gut nachvollziehbar und nachfühlbar dargestellt, manchmal in knappen Dialogen, dann wieder durch einprägsame Bilder. Der Film entfaltet eine befreiende Kraft, wenn Zwingli von der Kanzel das Evangelium auf Deutsch vorliest, wenn er Anna Reinhart erklärt, dass es kein Fegefeuer und keine Hölle gibt oder wenn er gegen jede kirchliche Vorschrift öffentlich heiratet. Zwingli wettert gegen alle möglichen kirchlichen Vorschriften und lässt nur das gelten, was in der Bibel steht.

Der Film macht dabei deutlich, dass, wer die Bibel zur Grundlage seines Glaubens macht, kein religiöser Fanatiker sein muss, sondern, im Gegenteil, wie Zwingli, ein humanistisch gesinnter Bürger mit ausgeprägtem politischem Bewusstsein sein kann.

Ein Motiv, das für die Person und die Theologie Zwinglis von besonderer Bedeutung war, taucht im Film immer wieder auf: sein Blick auf die Armen und Geknechteten. Schon die erste Einstellung zeigt den katholischen Priester auf einem Bauernwagen auf dem Weg nach Zürich. Zwingli wird lesend und schreibend gezeigt, sein Blick richtet sich auf die im Wald arbeitenden Bauern.
Auch in Zürich springt Zwingli die Armut ins Auge. Seine Konsequenz aus dieser Wahrnehmung ist, etwas gegen die Armut und für die Armen und Bettler zu tun. „Tut um Gottes willen etwas Tapferes“ wurde zu einem Leitspruch Zwinglis. Und auch, wenn er diesen Satz auf den Krieg bezogen hat, so gilt er für viele seiner Taten, mit denen er sich rundherum Feinde gemacht hat.

Kein Heldenepos

Dabei ist der Film weit davon entfernt, aus Zwingli einen Helden zu machen, im Gegenteil: er zeigt Zwingli in seiner Zerrissenheit aber auch Entschlossenheit, die Reformation um jeden Preis voranzutreiben.

Simone Schmid hat ein packendes Drehbuch geschrieben. Stefan Haupt hat es einprägsam, mit Liebe zum Detail und gleichzeitig monumental umgesetzt. Der Film atmet die neue protestantische Freiheit.
Überzeugend spielen Max Simonischek als Reformator Ulrich Zwingli und Sarah Sophia Meyer als Witwe und spätere Frau Zwinglis, Anna Reinhart.

Dass der Regisseur aus finanziellen Gründen auf große Schlachtenszenen verzichten musste, hat dem Streifen insgesamt gut getan. Opulente Bilder mit dramatischen Klängen unterlegt, die an die Verfilmung mittelalterlicher Klassiker erinnern, wechseln sich ab mit kammerspielartigen Szenen. Sparsam geht der Film mit Elementen um, die sonst zu Filmerfolgen beitragen, wie Sex und Gewalt.

Dem Regisseur, Stefan Haupt, ist es gelungen, nicht nur die Haltung und das Denken des Reformators herauszustreichen sondern auch seine Theologie und seine Spiritualität dem Zuseher zu vermitteln. Die an manchen Stellen pathetische Filmmusik unterstreicht die überragende Bedeutung dieses reformatorischen Geistes, der in nur wenigen Jahren Zürich ein neues Gesicht verliehen hat.

Das Allerwichtigste an dem Film ist, dass die zentralen Botschaften von der Notwendigkeit, Unrecht und Heuchelei aufzudecken, gegen Unmenschlichkeit Widerstand zu leisten und das eigene Gewissen hochzuhalten heute genauso aktuell wie damals sind.

Thomas Hennefeld