Andacht von Pfarrerin Ulrike Döbrich zur Jahreslosung Offenbarung 21,5
Beim Betrachten des Bildes von Andreas Felger zur Jahreslosung 2026, das auch auf dem Leseband zur Jahreslosung prangt, fällt der Blick auf das Licht, das sich aus der Tiefe seinen Weg bahnt. Dunkle, schwere Farben liegen im Hintergrund – und doch brechen aus ihnen warme, leuchtende Töne hervor. Es ist, als würde das Leben selbst aufbrechen, als würde ein neuer Morgen anbrechen. Dieses Licht scheint stärker als die Dunkelheit. Es erinnert mich an den Ostermorgen, an das geöffnete Grab, an das Leben, das den Tod überwindet. Felgers Bild erzählt in Farben, was die Jahreslosung in Worte fasst: Gott schafft Neues – aus dem Dunkel heraus, durch Leid hindurch, ins Leben hinein.
Advent – Zeit des Wartens, des Neubeginns, des Leisewerdens.
Gott spricht: „Ich mache alles neu.“
Dieses Wort klingt wie eine Verheißung, wie eine sanfte Einladung, das Alte loszulassen und dem Neuen zu trauen.
In einer Zeit, in der Kriege, politische Spannungen und gesellschaftliche Spaltungen die Nachrichten prägen, klingt diese Verheißung fast wie ein Widerspruch – und zugleich wie ein Hoffnungszeichen. Sie erinnert uns daran, dass Gottes Neuschöpfung mitten in den Brüchen dieser Welt beginnt. Wo Menschen sich für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung einsetzen, wird etwas von diesem „Neu“ schon jetzt sichtbar. Es ist ein leises, aber kraftvolles Zeichen, dass Gott seine Welt nicht aufgegeben hat.
Für mich persönlich wird dieses „Neu“, von dem es in der Jahreslosung heißt: „Siehe, ich mache alles neu“, in vielerlei Weise erlebbar.
Zwischen meiner alten Heimat Berlin und der neuen hier im Vorarlberg liegen nicht nur viele Kilometer, sondern auch zwei ganz unterschiedliche Lebenswelten: Dort das pulsierende Großstadtleben mit seiner Vielfalt, dem schnellen Takt und unzähligen Impulsen – hier die Ruhe der Berge, die Überschaubarkeit und das Miteinander in kleineren Strukturen. Für mich bedeutet das weniger anonyme Weite, dafür mehr persönliche Begegnungen, direkteren Austausch und eine Gemeinschaft, die trägt.
Dieses „Neu“ wird auch in den mir anvertrauten Gemeinden Bludenz und Feldkirch im Oberland, wie überhaupt in unseren vier reformierten Gemeinden in Vorarlberg, spürbar. Da gibt es personelle Veränderungen, neue Aufgaben und Gesichter. Da wächst die Zusammenarbeit – konkret zwischen Feldkirch und Bludenz –, verändern sich Gottesdienstzeiten, und es öffnet sich Raum für neue liturgische Formen. Überall wächst Neues: ganz unterschiedlich, und doch verbunden im selben Geist.
Neues kann verunsichern.
Das Vertraute, das uns lange getragen hat, ist nicht mehr so, wie es war.
Manches, was uns Sicherheit gab, verändert sich – und das kann Angst machen.
Aber es kann auch wie eine Befreiung sein. Ein Aufatmen.
Ein Raum, in dem Gottes Geist neu weht.
So ist Advent: eine Zeit des Übergangs.
Wir erwarten den, der kommt – Jesus Christus, den Friedensfürsten.
Wir hoffen auf das Licht, das in die Dunkelheit scheint,
auf den Frieden, der unsere Welt verwandelt – in unseren Familien,
in der Ukraine, im Nahostkonflikt, im Streit der Nationen,
und überall, wo Menschen leiden.
Und in allem klingt schon die österliche Hoffnung mit:
Das Neue, das Gott verheißt, ist mehr als eine Veränderung zum Guten –
es ist Leben aus dem Tod, Licht aus der Finsternis, Auferstehung mitten im Alltag.
Ulrike Döbrich
Pfarrerin in den Evangelischen Pfarrgemeinden Bludenz und Feldkirch
