Verantwortung gemeinsam tragen
Die Presbyterianisch-Reformierte Kirche (IPRC) in Kuba gibt es seit 1890. Sie war in enger Verbindung mit Missionaren aus den USA eine Gründung des kubanischen Pastors Evaristo Collazo. Damit war sie ein Teil der Kirche der Presbyterianischen Kirche USA. Wenige Jahre nach der Revolution änderte sich dies, als die Spannungen zwischen den beiden Ländern 1967 die Trennung erforderlich machten. Seitdem ist die Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba eigenständig und pflegt enge Kontakte mit der Presbyterianischen Kirche in den USA, und mit anderen Protestantischen Kirchen in Europa.
Der Staat und die Kirchen in Kuba
Mit der Anglikanischen und der Methodistischen Kirche gründete man 1941 den Ökumenischen Kirchenrat in Kuba, um eine gemeinsame Stimme zu haben. Gemeinsam wurde 1946 ein Theologisches Seminar in Matanzas eröffnet. Dort studieren Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrem eigenen Land. Bildung war der IPRC wichtig und sie hatte die Leitung an verschiedenen Schulen. Nach der Revolution 1959 wurden diese verstaatlicht. Kirchen durften keine Schulen betreiben, auch keine Kindergärten. Am Theologischen Seminar konnte weiter unterrichtet werden. Viele leitende Geistliche und Gemeindeglieder verließen nach der Revolution das Land. Einige Geistliche verbrachten Jahre in Zwangsarbeitslagern, den UMAPs (Unidades Militares de Ayuda a la Producción). Diese wurden 1968 geschlossen. Aufgearbeitet wurde dieser Teil der Geschichte bisher nur sehr zaghaft.
Bildungsarbeit in der Kirche
Kuba wurde 2019 laizistisch. Damit bekamen Kirchen zwar mehr Handlungsspielraum aber das Bildungsmonopol blieb beim Staat. Lange war dies verständlich: Eine gute Bildung sollte nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängen. Unabhängig von der Bildung der Eltern sollten alle Kinder die Chance haben, eine gute Schule zu besuchen. Das Bildungssystem in Kuba war weltweit anerkannt. Die Analphabetenrate war sehr niedrig. Heute kann der kubanische Staat das Bildungsversprechen nicht mehr einlösen. Was tut die Kirche? In einer Gemeinde ist es ihr gelungen, einen Kindergarten eröffnen zu dürfen. 60 Kinder werden hier begleitet und betreut. Die Leiterin Odilaisy Suarez Hernández ist sich sicher: „Eine Veränderung in unserem Land beginnt mit den Kindern. Wir brauchen eine gute Bildung für unsere Kinder – von klein auf an.“ In einer anderen Gemeinde wurde eine gute Nachhilfe für die Kinder aufgebaut. Begonnen hat dies während der Corona-Pandemie, als die Schulen geschlossen waren und die Kinder Unterstützung brauchten. Als die Schulen wieder offen waren, machten sie weiter, um die Kinder beim Lernen zu unterstützen. Und immer wieder geht es auch darum, die Lust an Bildung und Lernen zu fördern. In dieser Zeit ist das schwer. Die Kinder erleben in ihren Familien, dass sich die Anstrengungen des Lernens nicht lohnen. Als einfache Arbeiter in der Tourismusbranche konnten Erwachsene viel mehr verdienen als in anspruchsvollen akademischen Berufen. Jetzt ist auch dies anders, denn es kommen kaum noch Reisende ins Land. Hotels sind geschlossen, kaum einer mietet noch einen der Oldtimer, um sich durch Havanna fahren zu lassen. Viele Bars werden geschlossen. Souvenirverkäufer werden ihre Ware nicht los. Mit jeder Verschärfung der Krise kommen weniger Touristen ins Land.
An der Seite der Menschen
Die presbyterianisch-reformierte Kirche, mit etwa 15.000 Mitgliedern und 33 Gemeinden, ist jedoch nicht nur an den touristischen Orten, sondern auch in Städten wie Matanzas und Cárdenas, in Kleinstädten im Zentrum des Landes wie Camajuaní und Remedios und in kleinen Dörfern präsent. Sie lebt mit den Menschen. Die Kirchen in Kuba genießen Vertrauen, denn sie sind vom Staat unabhängig – aber auch unabhängig von Kubanern im Exil, die das Regime stürzen wollen. Sie sind an der Seite der Menschen, teilen den Alltag der Gemeindeglieder. Kaum jemand lebt in Kuba, der nicht Familie, Nachbarn oder Arbeitskollegen hat, die das Land verlassen haben – die einen mit ihren Kindern, die anderen mit dem Wunsch, ihre Kinder später nachzuholen. Dieser Alltag ist von Stromabschaltungen geprägt, oft über 20 Stunden lang. Immer wieder kommt es zu landesweiten Stromausfällen. Lebensmittel im Kühlschrank haben keine Chance. Wohnräume können kaum abgekühlt werden, so dass man schlafen kann. Man kann kein Essen auf dem Herd zubereiten.
Was hilft?
Viele Gemeinden haben Solarpaneele auf dem Dach. Tagsüber kommen Menschen, um ihr Handy aufzuladen. Ehrenamtliche lagern ihr Kühlgut in der Tiefkühltruhe der Gemeinde. In den Kirchen wird gekocht – mit Strom oder mit Holz. Möglich wird es dank der Ehrenamtlichen, die kommen, kochen und abwaschen, und dank vieler Partner im Ausland. Unterschiedliche reformierte Kirchen in Europa und den USA unterstützen die IPRC bei ihrem Engagement. Gemeinsam engagieren sie sich gegen den Hunger. So gibt es in immer mehr Gärten der Kirchen Obst und Gemüse. Gemeinden werden zu Gärten für den eigenen Mittagstisch. Sie zeigen damit, was man alles aus seinem kleinen Vordergarten machen kann. Tomaten und Bananen, Süßkartoffeln und Mango wachsen nah beieinander. Die kleine kubanische Kirche leistet so einen wichtigen und verlässlichen Beitrag zur Ernährung. Als Kirche gehört für sie die spirituelle Nahrung dazu. Es braucht diese Begleitung, um an der aktuellen Krise nicht zu verzweifeln. So wundert es nicht, dass in viele Gottesdienste mehr Menschen kommen, als die Gemeinde Mitglieder hat. Was in Kuba besonders ist: Vor dem Gottesdienst beginnt die Sonntagsschule, und es gibt einen Kirchenkaffee. Für die Sonntagsschule gibt es verschiedene Gruppen, je nach Alter. Für die Erwachsenen, oft Senioren, ist es immer wieder Thema, was eigentlich das Besondere der presbyterianisch-reformierten Konfession ist. Viele, die kommen, sind katholisch getauft. Manche waren eine Weile bei einer Pfingstkirche. Was haben die Konfessionen gemeinsam – und was ist das Besondere am presbyterianisch-reformierten Glauben? Jeder entscheidet mit. Kirchenälteste leiten die Kirche. Menschen bringen ihre Fähigkeiten ein und übernehmen Verantwortung: in der Sonntagsschule, in der Küche oder in der Gemeindeleitung. So wird Kirche von vielen getragen.
Reformiert in Kuba
Vielleicht zeigt sich gerade in Kuba besonders deutlich, was reformierte Kirche bedeutet. Sie vertraut darauf, dass Gott Menschen beruft, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Aus diesem Vertrauen wachsen Engagement, Gemeinschaft und Hoffnung. So wird der Glaube sichtbar, im Gottesdienst ebenso wie beim Mittagessen mit den Nachbarn und im Gemüsegarten der Gemeinde. Und alle haben ein offenes Ohr für die Sorgen der Menschen.
Barbara Neubert
Referentin für den Kirchlichen Entwicklungsdienst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Kuba-Referentin.
