Minderheit mit Weitblick werden

Wie regiolokale Gemeindeentwicklungen unsere Diaspora stärken können.

Ein Bericht von Harald Kluge über eine vierteilige ökumenische Fortbildungsreihe 2026 unter dem Titel: „Postparochiale Gemeindeentwicklung: Impulse für die Zukunft unserer evangelischen Gemeinden in Deutschland, der Schweiz und in Österreich.“

Massive Umbrüche in den Gemeinden

Sinkende Mitgliederzahlen, schwindende Finanzmittel und der Rückzug aus der Fläche zwingen alle in den Kirchen zu einer fundamentalen Frage: Wie sieht eine lebendige Gemeinde der Zukunft aus, wenn das klassische, pfarrerzentrierte Versorgungsmodell an seine Grenzen stößt? Die Fortbildungsreihe „Postparochiale Gemeindeentwicklung“ gab im Frühjahr 2026 spannende Inputs und Outputs – mit radikalen Denkanstößen, die gerade für die reformierte Diaspora in Österreich aktuell sein können.

Eine ehrliche Diagnose

Die Diagnosen der Experten Prof. Dr. Michael Herbst und Dr. Steffen Bauer sind eindeutig: Das traditionelle Modell der Parochie – der territorial abgegrenzten Ortsgemeinde, die ein lückenloses „Vollprogramm“ bereithält und von einer einzigen Pfarrperson „versorgt“ wird – ist als alleintragende Säule tot. Uns steht keine sanfte Renovierung bevor, sondern eine grundlegende Transformation. Dabei haben wir nur zwei Optionen: Transformation by design (gesteuerter Wandel) oder Transformation by disaster (Strukturzusammenbruch durch Untätigkeit).

„holy moments“

Die theoretische und praktische Antwort auf diese Krise lautet „Regiolokalität“. Dieses Konzept verbindet zwei Dimensionen, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen. Auf der lokalen Ebene (dem vertrauten Nahbereich) müssen sich Gemeinden vom Anspruch des Vollprogramms verabschieden. Hier geht es um das Konstitutive, um den Kern: Wie feiern wir hier an diesem Ort gemeinschaftlich Gottesdienst? Es gilt, gezielt „holy moments“ (heilige Momente) zu pflegen, anstatt Ressourcen in unbesetzten Gremien oder leerlaufenden Verwaltungsstrukturen zu erschöpfen. Das Vollprogramm hingegen wandert auf die regionale Ebene. Die Region fungiert als Netzwerk und „Leuchtturm“. Hier werden Verwaltung, Finanzen und spezialisierte Angebote wie Jugendarbeit, Diakonie oder theologische Fortbildung gebündelt. Gemeindeglieder ordnen sich in diesem größeren Raum dort zu, wo sie sich geistlich angesprochen und beheimatet fühlen. Die reformierte Kirche in Österreich mit ihren rund 10.000 Mitgliedern kennt das Dilemma der Weite seit jeher gut. Wo Gemeinden mauern und sich isolieren, bewegt sich nichts, bis der Finanzdruck zu groß wird. Regiolokalität bietet hier einen Ausweg, indem sie Kooperation zur Pflicht und Entlastung zugleich macht.

Ehrenamt im Fokus

Ein zentraler Schwerpunkt der Tagung lag auf der Rolle der Ehrenamtlichen. Die Schweizer Theologin Dr. Sabrina Müller warnte eindringlich davor, das Ehrenamt als bloße „Verwaltung des Mangels“ misszuverstehen. Ehrenamtliche dürfen nicht als funktionale Lückenbüßer eingesetzt werden, um wegbrechende Pfarrstellen zu kompensieren oder alte, starre Strukturen künstlich zu stabilisieren. Aus reformierter Sicht besonders ansprechend ist die theologische Verschiebung, die Müller einfordert. Das Ehrenamt ist gelebte Theologie und Ausdruck des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Ehrenamtliche sind theologische Subjekte mit eigener Deutungs- und Gestaltungsmacht. Wenn Verantwortung geteilt und gemeinsam getragen statt nur delegiert wird, wird die Gemeinde zum eigentlichen Subjekt. Das hat radikale Konsequenzen für die Praxis: Der Gottesdienst ist dann kein passives „Angebot“ der Pfarrperson mehr, sondern ein interaktives Geschehen der gesamten Gemeinde – bis hin zu partizipatorischen Predigtformen und eigenständig geleiteten Kasualien.

Neue Rollen für das Pfarramt

Bedeutet das die Abschaffung des Pfarrberufs? Nein, aber seine radikale Transformation. Die Pfarrperson rückt aus dem Zentrum der Gemeinde heraus. Sie ist nicht mehr die exklusive religiöse Anbieterin oder die Managerin des Ehrenamts, sondern Mentorin, Ermöglicherin und „Geburtshelferin“ der in der Gemeinde vorhandenen Theologie. Hauptamtliche haben zukünftig im Wesentlichen die Aufgabe, Ehrenamtliche zu befähigen, zu begleiten und theologisch zuzurüsten. Oder wie es pointiert formuliert wurde: Pfarrer:innen müssen sich in ihrer bisherigen Rolle stückweise „überflüssig machen“, um als multiprofessionelle Teamplayer das Miteinander der Gaben (Charismen) neu zu ordnen.

Praxismodell Bad Hall: Die Ehrenamtsgemeinde

Wie das konkret aussehen kann, zeigt das oberösterreichische Projekt in Bad Hall, das von Pfarrerin Kathrin Hagmüller begleitet wird. Nach dem Wegfall der klassischen Pfarrstelle übernahm das Presbyterium die vollständige Leitung des geistlichen Lebens. Eine pastorale Assistenz bietet lediglich theologische „Draufsicht“ und Begleitung. Das „WHY“ fungiert hier als Filter. Jede Aktivität wird am Kernauftrag gemessen. Was dem „Warum“ nicht dient, wird konsequent losgelassen (Exnovation). Gemeinschaft vor Versorgung: Die klassische Predigt weicht dem gemeinschaftlichen „Bibelteilen“. Die Gemeindeglieder erleben sich nicht mehr als Opfer des Strukturwandels, sondern als selbstbestimmte „Hüter des Feuers“.

Fluide Formen und mutige Schritte

Ergänzt wird der Strukturwandel durch neue gottesdienstliche Formen. Dr. Katharina Scholl berichtete begeistert von den sogenannten „PopUp-Formaten“ (wie etwa ein offenes Gedenken am Muttertag auf dem Friedhof). Da feste, dauerhafte Bindungen für viele Menschen heute schwer zugänglich sind, bieten liquide, temporäre Formen intensive Räume für „Gemeinde auf Zeit“, bei denen Nähe und Distanz frei wählbar bleiben. Gleichzeitig zeigte Dekan Dr. Markus Weimer aus Konstanz auf, wie Dekanatsstrukturen zu agilen Servicestellen umgebaut werden können, die gezielte „Hubs“ für Jugend- und Erwachsenenbildung bereitstellen, um Ehrenamtliche universitätsnah zu qualifizieren.

Fazit für uns in Österreich: Haltungen sind wichtiger als Programme.

Der Wandel verlangt Abschiedsschmerz – von altem Stolz, überkommenen Versorgungsansprüchen und Kirchturmegoismen. Doch in der Besinnung auf das evangelisch-reformierte Prinzip, dass Kirche sich immer wieder reformieren muss (ecclesia semper reformanda), liegt eine riesige Chance. Wenn alle Einflussträger:innen den Mut haben, Macht abzugeben, Strukturen zu vereinfachen und Ehrenamtlichen echte Autonomie zuzutrauen, liegt die beste Zeit der Gemeinden nicht hinter uns, sondern vor uns. Dem würde ich voll und ganz zustimmen.

Harald Kluge