„Hier stehe ich …“ 500 Jahre Reformation

„Hier stehe ich …“ im 16. Jahrhundert
Worms, am Abend des 18. April 1521: der Augustinermönch Martin Luther steht vor dem Kaiser. Seit er im Oktober 1517 seine 95 Thesen veröffentlicht hatte, hat er Briefe geschrieben, Vorlesungen gehalten, gepredigt, Schriften verfasst. Nun soll er widerrufen, was er – nach Meinung seiner Gegner – Ketzerisches geschrieben hat. Der völlig überfüllte Saal ist mit Fackeln erleuchtet. Es ist heiß, die Stimmung gereizt – es geht um die Glaubenseinheit im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Von Luther wird eine klare, eindeutige Antwort erwartet: widerruft er oder nicht?
Luther beendet seine Antwort mit den Worten: „… solange mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“
Ob Luther die Worte „Hier stehe ich …“ tatsächlich gesagt hat oder nicht, wissen wir nicht. Aber er hat sie im Handeln gelebt: Er stand da und konnte nicht anders, als sich auf Gottes Wort – wie es in der Bibel bezeugt ist – und das eigene Gewissen zu berufen.
Und so wie Luther hielten es auch seine Weggefährten aus Vorarlberg: die Brüder Bartholomäus und Johannes Bernhardi (Schlins), Johannes Dölsch (Feldkirch), Thomas Gassner und Lucius Matt (Bludenz). Auch für sie galt: „Hier stehe ich …“, weil sie dem folgten, was sie für sich als richtig erkannt hatten und dabei – ähnlich wie Luther – eine Menge riskierten.
Auch wer in Vorarlberg seine evangelische Glaubensüberzeugung leben wollte, sah sich enormem Druck seitens der Innsbrucker Regierung ausgesetzt: reformatorische Schriften wurden verbrannt; eine Geldstrafe drohte demjenigen, der die Messe nicht besuchte, das Einhalten des Fastens wurde streng kontrolliert. Gegen die Anhänger Luthers und Zwinglis wurde brutal vorgegangen, Flucht oder Vertreibung waren gang und gäbe. Nicht verwunderlich, dass die Reformation in Vorarlberg relativ schnell als ‚gescheitert‘ galt.

„Hier stehe ich …“ im 19. Jahrhundert
Erst als sich im 19. Jahrhundert evangelische Industrielle aus der Schweiz und aus Schottland in Vorarlberg ansiedelten und Textilfabriken errichteten, wurde der evangelische Glaube „wiederbelebt“. Mit den Industriellen kamen auch evangelische Facharbeiter, denen Kaufleute, aus Süddeutschland stammende Gewerbetreibende und Adelige mit protestantischem Bekenntnis folgten.
Zwar war ihnen zunächst untersagt, eine evangelische Gemeinde zu gründen, doch änderte sich das, als Kaiser Franz Joseph I. 1861 das Protestantenpatent er-ließ. Dieses brachte für die Protestanten die rechtliche Gleichstellung. Trotz erheblicher Widerstände des katholisch-konservativen Lagers gelang noch im selben Jahr die Gründung der „Evangelischen Gemeinde zu Vorarlberg“ – nicht zuletzt dank der liberalen Mehrheit im neuen Vorarlberger Landtag. Drei Jahre später, 1864, folgte die Einweihung der „Evangelischen Kirche zu Bregenz“.

„Hier stehe ich …“ im 21. Jahrhundert
Vieles hat sich seitdem verändert, aus einem „Gegeneinander“ wurde ein „Nebeneinander“, das sich in weiterer Folge zu einem „Miteinander“ entwickelte. Zahlreiche ökumenische Projekte, die teils vor Jahrzehnten, teils ‚frisch‘ initiiert wurden, dokumentieren den Weg, den ökumenisch-mutige Menschen in Bregenz gegangen sind und gehen.
Manches, was vor 100 Jahren noch undenkbar schien, gehört heute zum Alltag eines wertschätzenden ökumenischen Miteinanders: regelmäßige Begegnungen und Gespräche, Bildungsarbeit, Einweihungen/Eröffnungen, Einsatz für Benachteiligte in unserer Gesellschaft, Konzerte, Reisen …
Aus evangelischer Sicht bleibt zu hoffen, dass auf dem weiteren Weg auch die noch offenen Fragen (z.B. Abendmahlsgemeinschaft, Amts- und Kirchenverständnis) im ökumenischen Geist geklärt werden können. Damit zukünftige Generationen im Rückblick auf uns Heutige einmal sagen können: „Hier standen sie und konnten nicht anders …“
RALF STOFFERS
Evangelische Pfarrgemeinde
A. u. H.B. Bregenz

* Die Intervention im Vorarlbergmuseum („Hier stehe ich …“) mit 19 evangelischen Persönlichkeiten aus Vorarlberg kann bis zum 31.10.2017 besichtigt werden!