Fotonachweis: Das „Tent of Nations“ / Zelt der Völker: ein Hügel als Ort der Begegnung und Versöhnung – und ein pädagogischer und ökologischer Familienbetrieb südwestlich von Bethlehem. Foto: Daoud Nassar
Täglich sehen, hören und lesen wir die neuesten Nachrichten über die Kriege im Nahen und Mittleren Osten, in der Ukraine und in Russland. Auch an vielen anderen Schauplätzen in der Welt herrscht Gewalt. Es sind schwierige Zeiten, sich für Frieden einzusetzen, wenn das Kriegsgeschrei und das Getöse der Waffen den Schmerz der Opfer der Gewalt und die Sehnsucht nach einem friedlichen und sicheren Zusammenleben scheinbar mühelos übertönen. Was aber kann uns trotzdem Hoffnung geben, dass Frieden hier und sogar im Nahen Osten möglich ist?
Waffen schaffen keinen Frieden
Die Weltlage ist geprägt von einer „Logik des Krieges und der Gewalt“, in der nationale Sicherheit und geopolitische Eigeninteressen gegen „Andere“ gesichert und verteidigt werden müssen, und zwar vornehmlich mit militärischen Mitteln. Misstrauen und Angst vor dem Feind prägen das Denken und Handeln. Ein Blick auf den soeben erschienenen SIPRI-Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts weist für 2025 ein Allzeithoch von 2,89 Billionen US-Dollar für weltweite Rüstungsausgaben aus, in Europa stieg das Budget um 14% gegenüber dem Vorjahr, im Mittleren Osten blieben die Rüstungsausgaben insgesamt mit 218 Mrd. US-Dollar annähernd gleich. In der Logik militärischer Sicherheit werden diese Kosten oft als alternativlos dargestellt, der Gegner verstehe schließlich nur „die Sprache der Gewalt“.
Demgegenüber setzt eine „Logik des Friedens und der Gewaltfreiheit“ auf eine grundsätzliche Haltung des Vertrauens und der Zusammenarbeit für nachhaltige Lösungen in Konflikten. Sicherheit wird hier als menschliche und gemeinsame Sicherheit verstanden, die den berechtigten Bedürfnissen aller Konfliktparteien Rechnung trägt und nur im Dialog und mit Verhandlungen angestrebt werden kann. Dafür wäre allerdings ein Umdenken, eine Umkehr des vorherrschenden Paradigmas nötig: Friedensfähigkeit statt Kriegstauglichkeit!
Die Kriege im Nahen und Mittleren Osten
Der jahrzehntelange israelisch-palästinensische Konflikt und der jüngste Krieg zwischen Israel, den USA und deren Verbündeten einerseits, dem Iran und seinen Unterstützern andererseits, zeigt in zunehmendem Maße die Erosion des Internationalen Rechts – insbesondere des Gewaltverbots der UN-Charta – auf. Das „Recht des Stärkeren“ tritt an die Stelle von internationalen Abkommen, Diplomatie und Friedensförderung. Wie in allen Kriegen sind die Leidtragenden in erster Linie die Menschen in den betroffenen Gebieten, die Zivilbevölkerung. Doch genau in und aus dieser wachsen auch Initiativen, die Beiträge für ein Ende der Gewalt und ein friedliches Zusammenleben leisten können. Der zivile Widerstand gegen die Regierung im Iran, die innergesellschaftliche und internationale Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen, im Westjordanland und im Iran oder zivilgesellschaftliche Organisationen und Gruppen in Palästina, im Libanon und anderen Ländern der Region sind Hoffnungsträger, die im Sinne des Friedens unterstützt und deren Stimmen hörbar gemacht werden sollten.
Die Rolle von Religionen und Kirchen
Ein aktuelles Beispiel für die Friedensbemühungen religiöser Akteure ist die multireligiöse Konsultation „Das Gebot des Friedens im Mittleren Osten und im Iran“ von 40 Vertreter:innen aller Weltreligionen, die am 9. April 2026 in einer Stellungnahme wichtige Schritte für den Weg zu einem gerechten und andauernden Frieden benannten (www.rfp.org/):
„Da die menschliche Familie an einem gefährlichen Abgrund steht, rufen uns unsere Religionen auf, den Mut zum Friedenstiften zu finden. Wir nehmen diese Berufung auf, auch indem wir die Art und Weise zurückweisen, wie manche in unseren Gemeinschaften die religiösen Lehren missbrauchen, um Gewalt zu fördern.“
Gemeinsam drängen wir auf den folgenden Pfad für einen gerechten und dauerhaften Frieden:
– Sofortiger und andauernder umfassender Waffenstillstand, der alle Parteien einschließt
– Diplomatische Verhandlungen, die die tiefer liegenden Probleme ansprechen: eine atomwaffenfreie Region und Welt, gegenseitige Sicherheitsgarantien, ein Ende der Stellvertreterkriege, Rechenschaft für zugefügten Schaden und die legitimen Ansprüche aller Völker auf Sicherheit, Würde und Selbstbestimmung
– Verstärkung humanitärer Anstrengungen für Nothilfe
– Vertrauensaufbau durch persönlichen Austausch, in den v.a. Jugendliche, Frauen und Ältere einbezogen werden
– Langfristige moralische und rechtliche Verantwortung durch die Einrichtung von Wahrheits-, Gerechtigkeits- und Versöhnungsprozessen
An der Konsultation nahmen auch Vertreter:innen der Katholischen Kirche und des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Letzterer rief 2002 das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) ins Leben, an dem sich auch österreichische Begleiter:innen beteiligen, um Menschenrechtsverletzungen zu beobachten und zu dokumentieren. Gleichzeitig unterstützt EAPPI gewaltfreie Bemühungen von israelischen Friedensaktivist:innen sowie Palästinenser:innen, die gewaltfrei für ein Ende der Besatzung und einen gerechten Frieden im Heiligen Land eintreten (www.eappi-austria.at/). Diese Friedensarbeit an der Basis – wie sie auch von anderen Organisationen wie der jüdisch-arabischen Friedensinitiative Standing Together Vienna betrieben wird – hält die Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft in der Region am Leben und kann auch von Österreich aus unterstützt werden.
Und ein Umdenken und Handeln im Sinne einer Logik des Friedens und der Gewaltfreiheit ist für jede und jeden im persönlichen Umfeld möglich und ein Beitrag zu einer friedlicheren Gesellschaft und Welt!
Pete Hämmerle
Mitarbeiter im Internationalen Versöhnungsbund und bei EAPPI Österreich
