Gedanken einer Muslima zum Kopftuchverbot für unter 14-jährige muslimische Mädchen
Im Dezember 2025 wurde im Rahmen einer Schulrechtsnovelle mit den Stimmen aller Parteien außer den Grünen ein Kopftuchverbot für unter 14-jährige Mädchen beschlossen, das mit 1. September 2026 in Kraft tritt. Das Kopftuchverbot diene, wie es im Gesetzestext heißt: dem „Schutz der kindgerechten Entwicklungs- und Entfaltungsfreiheit“. Wir wollen hier eine Lehrerin zu Wort kommen lassen, die selbst Kopftuch trägt und erklärt, weshalb sie den neuerlichen Versuch, ein Kopftuchverbot gesetzlich zu verankern, kritisch sieht und die den Empfindungen betroffener Mädchen nachspürt. Red.
Manche Politiker:innen in Österreich versuchen schon seit Jahren das Kopftuch – oder besser gesagt das Bedecken der Haare – von muslimischen Frauen und Mädchen als Unterdrückung darzustellen. Da stellen sich allerdings Fragen: „Können Frauen, die in Österreich in einer demokratischen Gesellschaft leben dürfen, unterdrückt werden? Wenn Ja, wo liegt dann die Verantwortung, diesen Frauen zu helfen? Ist das Kopftuch ein „Symbol“ der Unterdrückung? Wir reden hier vom demokratischen Österreich, nicht vom Iran und nicht von Afghanistan. Wieso wird hier nicht differenziert? Und wieso kommen die Frauen nicht zu Wort und wenn sie zu Wort kommen, warum glaubt man ihnen nicht? Beispiele in Österreich und Deutschland gibt es hierfür viele.
Kindeswohl oder Bevormundung
Das Kopftuch ist ein Stück Tuch und bedeutet dennoch so viel für muslimische Mädchen und Frauen, es ist ein Teil ihrer Identität, ihrer Religion, ihrer Liebe zu Gott. Die religiöse Erziehung obliegt den Eltern, so steht es im Bundesgesetz für religiöse Kindererziehung. welches besagt, dass es den Eltern bis zum 14. Lebensjahr erlaubt ist, ihre Kinder nach ihrer religiösen Vorstellung zu erziehen. Nach dem 14. Lebensjahr darf sich dann das Kind frei entscheiden, welcher Religion oder Weltanschauung es folgen oder nicht folgen möchte. Diese Freiheit obliegt dem Kind, und das ist gut so. Es geht auch um das Verständnis, was religiöse Erziehung für Eltern bedeuten mag, egal welcher Religion. Wenn junge Mädchen gezwungen werden, dann braucht es vom Staat Aufklärungsarbeit und workshops für junge Mädchen, wobei dies auf Augenhöhe geschehen soll, nicht mit dem Vorurteil, dass die Eltern die Mädchen unterdrücken würden. Da sollte vor allem verstanden werden, welchen Wert aus religiöser Sicht das Kopftuch für muslimische Mädchen und Frauen bedeutet. In Österreich herrscht ein säkulares System, das als kooperativ zwischen Staat und Religion zu verstehen ist. Doch im Falle der gesetzlichen Bestimmung, wo religiöse Praxis für Muslime eingeschränkt wird, wird oftmals die IGGÖ (islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) ausgeschlossen und über die Köpfe der in Österreich lebenden Muslime hinweg entschieden. Religiöse Pluralität kann herausfordernd sein, dennoch sind Druck, Zwang und Bevormundung nicht die Lösung.
Strafen sind keine Lösung
Verbot und Androhung von Sanktionen und Geldstrafen sind keinesfalls die Lösung, denn es führt nur noch mehr zu Ausgrenzung der muslimischen Minderheiten von der Mehrheitsgesellschaft. Die Spaltung wird nur noch größer und die Integration schwieriger, da das Verständnis und der Austausch fehlen. Diese „Symbolpolitik“ wird nicht nur auf den Köpfen junger Mädchen betrieben, was sehr fragwürdig ist, sondern das Kopftuch an sich wird zur Zielscheibe, um Populismus zu betreiben und um diese Mädchen stigmatisieren zu können. Kopftuch heißt nach diesem Verständnis: Unterdrückung, ungebildet, kann kein Deutsch, Flüchtling, will sich nicht integrieren oder lehnt gar die Demokratie ab, etc.
Lehrer:innen als Sittenpolizei
Das Kopftuchverbot an Schulen im speziellen Sinne bedeutet, dass die Lehrer:innen die „Sittenpolizei“ spielen müssen und ihre Schüler:innen für ihren Glauben, trotz Religionsfreiheit „bestrafen“ müssen. Dies kann das Verhältnis und Vertrauen zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen stark beinträchtigen.
Das Argument, dass die jungen Mädchen das Kopftuch in der Schule ablegen und außerhalb wieder tragen können, ist ebenfalls keine konstruktive Lösung, da zum einen Kinder der Primarstufe sich schwer orientieren bzw. einordnen können – warum welche Regeln wann und wo gelten sollten. Und vor allem bekommen die jungen Mädchen das Gefühl, in der Schule mit ihrer religiösen Identität nicht erwünscht zu sein, und dass die Schule kein sicherer Ort für sie sei – das Gefühl kann starke psychische Folgen mit sich bringen, vor allem das Gefühl etwas „Falsches“ in den Augen der anderen zu machen. Bildung ist wichtig und dieser sichere Ort sollte für junge Mädchen immer gegeben sein, sei es von Staat, Eltern und Pädagog:innen – kein Ort der Spaltung! Kindeswohl bedeutet das Kind so zu akzeptieren, wie es ist oder sein mag! Reduzieren wir muslimische Mädchen nicht auf ein Stück Tuch, nehmen wir sie als Menschen und vor allem als junge Frauen wahr! Wir sollten vor allem das Selbstbestimmungsrecht junger Mädchen und Frauen nicht mit Füßen treten, denn es hat Frauen viel gekostet dieses Recht zu erlangen! Wir sollten Zwang nicht mit Zwang bekämpfen, sondern mit Aufklärung und Empathie!
NANSI ELSHAMIE
Ist Professorin für islamische Religion an der Berufsbildenden Höheren Schule KunstModeDesign Herbststraße in Wien
