Eine Weltgemeinschaft des Glaubens
Die älteste christliche Nation der Welt
Armenien ist die älteste christliche Nation der Welt: Im Jahr 301 n. Chr. nahm König Tiridates III. das Christentum als Staatsreligion an, lange bevor das Römische Reich diesen Schritt unter Konstantin vollzog. Armenier und Christ zu sein ist im kollektiven Selbstverständnis nahezu untrennbar verbunden. Heute gliedert sich das armenische Christentum in drei Haupttraditionen: die Armenisch-Apostolische Kirche (ca. 9 Millionen Gläubige weltweit, Nationalkirche Armeniens, Teil der Orientalisch-Orthodoxen Familie) mit zwei Katholikosaten: in Etschmiadzin bei Jerewan und in Antelias, Libanon. Die Trennung besteht seit 1441 und die Spannungen vertieften sich in der Sowjetzeit weiter. die Armenisch-Katholische Kirche zählt ca. 700.000 Gläubige und ist seit 1740 in voller Gemeinschaft mit Rom. Die Armenisch-Evangelische Kirche ist die jüngste der armenischen Kirchen. Trotz aller konfessionellen Unterschiede verbindet alle drei eine gemeinsame Geschichte, Sprache, Leidensgeschichte und eine gelebte Solidarität: Gemeinsam betreiben sie Altenheime in Aleppo und Beirut sowie seit 1996 den Armenischen Runden Tisch, ein vom Weltkirchenrat koordiniertes humanitäres Programm in Armenien.
Eine Geburt aus zwei Quellen
Die Entstehung der Armenisch-Evangelischen Kirche hat zwei untrennbar miteinander verwobene Wurzeln: eine innere armenische und eine äußere westlich-missionarische. Ab 1831 begannen amerikanische Missionare des American Board of Commissioners for Foreign Missions (ABCFM) – überwiegend Kongregationalisten und Presbyterianer – ihre Arbeit in Konstantinopel. Ursprünglich wollten sie Muslime bekehren, was sich unter osmanischem Recht als nahezu unmöglich erwies. Stattdessen wandten sie sich den bestehenden christlichen Gemeinschaften zu und fanden bei den Armeniern besonders offene Ohren. Sie brachten Bibeln, eröffneten Schulen und boten theologische Bildung an.
Gleichzeitig wuchs innerhalb der Armenisch-Apostolischen Kirche selbst eine tiefe Unzufriedenheit mit dem geistlichen Zustand der Gemeinden. Gebildete Armenier in Konstantinopel – beeinflusst durch die Begegnung mit den Missionaren, aber auch durch die allgemeine Aufbruchsstimmung der osmanischen Reformzeit – begannen ernsthaft die Heilige Schrift zu studieren und stellten bestehende kirchliche Praktiken kritisch in Frage. 1836 gründeten diese Reformer die „Bruderschaft der Frömmigkeit“, die sich in regelmäßigen Bibelstunden traf.
Die Gründer der Armenisch-Evangelischen Kirche waren also keine Konvertiten von außen, sondern armenische Christen, die ihre eigene Tradition von innen heraus erneuern wollten. Die amerikanischen Missionare lieferten theologische Impulse und institutionelle Unterstützung. Der Antrieb zur Reform kam jedoch aus dem armenischen Volk selbst. Deshalb blieb die entstehende Gemeinschaft tief armenisch in Sprache, Kultur und Identität. Der Widerstand der apostolischen Kirchenführung war heftig: Am 12. und 20. Januar 1846 exkommunizierte Patriarch Matteos Chouhadjian die Reformer, entzog ihnen die bürgerlichen Rechte und verweigerte ihnen sogar das Recht, ihre Toten zu begraben. Am 1. Juli 1846 gründeten 37 Männer und 3 Frauen in Konstantinopel die erste Armenisch-Evangelische Kirche. 1850 erkannte der Sultan die Gemeinschaft als eigenes „Protestantisches Millet“ an. Bis Ende des 19. Jahrhunderts zählte die Bewegung im Osmanischen Reich bis zu 60.000 Mitglieder. Das 20. Jahrhundert brachte unsägliches Leid: Die Hamidianischen Massaker (1895–96) und der Armenische Genozid von 1915 dezimierten evangelische wie apostolische Gemeinden gleichermaßen. Aus diesen Trümmern erwuchs eine weltweite Diaspora-Kirche.
Eine Weltkirche: Fünf Unionen
Heute sind rund 100 armenisch-evangelische Gemeinden in über 20 Ländern aktiv, gegliedert in fünf Unionen, die im Armenisch-Evangelischen Weltrat (AEWC, gegr. 1987) vereint sind:
Naher Osten (gegr. 1924): 25 Gemeinden in neun Ländern, ca. 9.500 Mitglieder. Betreibt 23 Schulen, die Haigazian-Universität in Beirut – die einzige Universität der armenischen Diaspora weltweit, mit 650 Studierenden – sowie gemeinsam mit den arabischsprachigen evangelischen Kirchen die Near East School of Theology (NEST), eines der bedeutendsten Ausbildungszentren für Theologie im evangelischen Nahen Osten. Gründungsmitglied des Weltkirchenrates (1948) sowie Mitglied der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und des Nahost-Kirchenrates — damit Teil derselben weltweiten Bekenntnisfamilie wie die reformierten Kirchen der Schweiz, der Niederlande und Ungarns.
Frankreich (gegr. 1962): Gemeinden in der französischen Diaspora, eingebettet in die ökumenisch geprägte Tradition des französischen Protestantismus.
Nordamerika (gegr. 1971): Über 30 Gemeinden in den USA, Kanada und Südamerika, in presbyterianisch-reformierter Tradition.
Armenien (gegr. 1994): Derzeit 23 aktive Gemeinden – die einflussreichste protestantische Gemeinschaft in einem Land, in dem die Apostolische Kirche Verfassungsrang als Nationalkirche genießt.
Eurasien (gegr. 1995): Gemeinden in Georgien, Russland und Abchasien, entstanden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Theologie in verschiedenen Kontexten
Theologisch steht die Kirche in der reformierten und kongregationalistischen Tradition: Die Heilige Schrift als einzige unfehlbare Norm, Rechtfertigung allein durch Gnade und Glauben, Priestertum aller Gläubigen. Innerhalb dieses gemeinsamen Rahmens zeigen sich regionale Unterschiede. Die nahöstlichen Kirchen sind ökumenisch offen und sozial engagiert, geprägt durch Jahrzehnte der Minderheitenexistenz. Die nordamerikanischen Gemeinden neigen zu einer konservativeren evangelikalen Frömmigkeit mit starker Betonung des armenischen Kulturerbes. In Armenien navigiert die Kirche als kleine protestantische Minderheit in gesellschaftlich herausforderndem Umfeld. Die französische Union spiegelt die ökumenisch liberalere Tradition des französischen Protestantismus wider.
Lebendig auf allen Kontinenten
Die weltweite Mitgliedschaft ist zwischen 2010 und 2020 um über 50 % zurückgegangen bedingt durch Emigration aus dem kriegsgebeutelten Nahen Osten und wirtschaftlichen Druck in Armenien. Dennoch bleibt die Kirche lebendig: Neben den Gottesdiensten am Herrentag pflegen die Gemeinden Kinder- und Jugendgruppen, getrennte Bibelkreise für Frauen und Männer sowie regelmäßige Gebetsversammlungen. Der missionarische Geist des 19. Jahrhunderts lebt in einer Kirche weiter, die Verfolgung, Genozid und Zerstreuung überstanden hat und heute auf allen Kontinenten den Glauben bezeugt.
Angelo Comino
