Michael Gaismairs Tiroler Landesordnung von 1526 und sein Verhältnis zum Reformator Ulrich Zwingli
In Zeiten, in denen demokratische Strukturen immer stärker unter Druck geraten, autoritäres Gedankengut sich breitmacht und Errungenschaften, die mit Blut und Tränen erkämpft wurden, heute in Frage gestellt werden, ist es gut zu wissen, dass es schon vor 500 Jahren Programme gegeben hat, die den den Geist der Demokratie atmeten, christlich begründet waren und wegweisend für die Zukunft wurden. Dazu gehört auch die Tiroler Landesordnung Michael Gaismairs, die nicht zuletzt unter dem Einfluss Ulrich Zwinglis verfasst wurde.
Der Bauernkrieg
Vor 5oo Jahren tobte einer der folgenschwersten Kriege Mitteleuropas, der mit einer blutigen Niederlage der aufbegehrenden Bauern endete, uns aber mit Gaismairs Verfassungsentwurf ein ideengeschichtlich bedeutsames Manifest hinterließ. Von Martin Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) beflügelt, wurden von der Bauernbewegung Freiheitssignale und Gleichheitsforderungen gegen die mittelalterliche Feudalherrschaft gesetzt und Luthers theologische Fragen ins Profane und Alltägliche übersetzt. Mit erbeuteten Waffen, mit Dreschflegeln, Sensen und Morgensternen gingen die aufständischen Bauern 1525 gegen die Obrigkeit und die Heerscharen des Schwäbischen Fürstenbundes vor, und Burgen und Klöster wurden zerstört. Nach dem Spießrutenlaufen von 27 Adeligen bei der Weinsberger Bluttat wandte sich Luther allerdings äußerst heftig gegen die Bauernhaufen. Die fürstlichen Reiterheere besiegten die Bauern bald blutrünstig und endgültig.
Gaismair – Vom Bischofssekretär zum Revolutionär
Deutlich wird der Kampf gegen Willkür und für die Freiheit der unteren sozialen Schichten bei Michael Gaismair (1490 – 1532), dem Sohn eines Sterzinger Bergwerksbetreibers; als Schreiber des Landeshauptmannes und Bischofssekretär wandelte er sich allerdings zu einem Bauernführer, Rebellen und schließlich zu einem Revolutionär. Er stand in engem Kontakt zum Züricher Reformator Zwingli – doch wo zeigt sich dessen Einfluss? Der ehemalige Bischofssekretär Gaismair war wesentlich von reformatorischen Ideen beeinflusst, die sich besonders in den ersten drei Artikeln seiner Landesordnung widerspiegeln; diese beziehen sich auf die Heilige Schrift als einzige Autorität für eine neue Gesellschaftsordnung.
Freundschaft mit Zwingli
Der Tiroler Gaismair besuchte nachweislich viermal (1525, 1526, 1529 und 1530), jeweils auf dem Pferderücken anreisend, Ulrich Zwingli in Zürich. Beim ersten Treffen erschien Gaismair im November 1525 als Flüchtling. Er tauschte sich gedanklich mit Zwingli aus und entwickelte mit ihm einen „Feldzugsplan“, ein Bündnis besonders mit oberdeutschen Städten zur Verteidigung der reformatorischen Errungenschaften und zur Abschüttelung der Herrschaft der Habsburger (wie es die Schweizer schon vor Generationen geschafft hatten). Auf Zwinglis Einfluss dürfte die Forderung nach Beseitigung der Statuen und Bilder aus den Kirchen, der Abschaffung der Kapellen und der Messzeremonien zurückgehen sowie die Aufhebung der Klöster und ihre Umwandlung in Spitäler. – Auch nach dem Scheitern des Aufstandes in Tirol blieb die persönliche Freundschaft zwischen Gaismair und Zwingli erhalten, Auslieferungsbegehren Erzherzog Ferdinands stießen in Zürich auf taube Ohren. Im Frühling 1530 wurde Gaismair sogar über Betreiben Zwinglis das Zürcher Bürgerrecht verliehen. Auch nach Zwinglis Tod im Oktober 1531 und Gaismairs Ermordung ein halbes Jahr später im April 1532 durch Ferdinands Häscher zeigte sich noch eine starke Bindung zu Zürich: Gaismairs Witwe Magdalena und ihren fünf Kindern wurde bereitwillig Zuflucht in Zürich gewährt, wo sich ihre Spuren in der Folge allerdings verlieren …

Demokratisch-republikanischer Verfassungsentwurf
Gaismair hat uns jedenfalls eine scharfe Programmatik und einen demokratisch-republikanischen Verfassungsentwurf, die Tiroler Landesordnung von 1526, hinterlassen, die sich als zeitaktuell und zugleich überraschend zukunftsweisend herausstellt. Geblieben ist uns, in nur drei Exemplaren überliefert, diese Tiroler Landesordnung, die detailreich, aber wenig systematisch eine ihrer Zeit weit vorauseilende Gesellschaftsordnung vorzeichnet. Als unzeitgemäßes Erbe aus Bauernkriegstagen blieb sie jahrhundertelang praktisch unter Verschluss, ragt jedoch wie ein erratischer Block auf dem Feld der Grundfreiheiten und Menschenrechte empor und ist ein wertvolles Dokument der reformatorischen Bewegung mit radikal-demokratischen Ansätzen.
Radikal demokratische Ideen
Es kristallisieren sich in dem schnell niedergeschriebenen Entwurf wichtige Grundsätze heraus: ausgehend vom „göttlichen Recht“ aus der Heiligen Schrift, die als alleiniger Maßstab beschworen wird, finden wir erstmals in einem Rechtstext die Abschaffung des Adels (samt Kaiserhaus) und der kirchlicher Privilegien und die Gleichheit aller Menschen, die zu demokratischen Spielregeln führen soll. Angehäufte Reichtümer der mittelalterlichen Kirche werden wie aller Prunk angeprangert und sollen konfisziert werden, die Wahl der Pfarrer und die Aufhebung der Klöster und ihre Umwandlung in Spitäler werden verlangt. Das bisherige Almosenwesen soll einer staatlichen Sozialstruktur weichen und ein Gesundheitswesen mit freien Arzneimitteln eingerichtet werden. Demokratische Regeln im Gemeinwesen mit Wahl einer Regierung (ganz ohne Monarchen, aber mit drei Theologen im Gremium) werden postuliert. Eine wirtschaftliche Autarkie bei staatlicher Planung wird angestrebt, genauso wie die Abschaffung der Zinsen, Ausfuhr(!) zölle und Konsumentenschutzbestimmungen Platz greifen sollten. Auch auf die Bildung durch ein öffentliches Schulwesen und die Einrichtung einer Landesuniversität wurde nicht vergessen. – Alles durchaus moderne Forderungen, die erst wieder mit der amerikanischen Rebellion 1776, der französischen Revolution 1789 und im Revolutionsjahr 1848 in Österreich auftauchen.
Instrumentalisierung Gaismairs Ideen in NS-Staat und im Kommunismus
Vereinnahmungsversuche Gaismairs in der NS-Zeit als Bauernführer und von den Kommunisten, besonders der DDR, als antikapitalistischer Revolutionär werden dem Phänomen Gaismair nicht gerecht. Er bleibt eine singuläre, aber signifikante Erscheinung, die sich in kein ideologisches Kästchen einordnen lässt, aber einen Markstein auf dem weiten Feld der Grund- und Menschenrechte setzt. Gaismair wurde im wahrsten Sinn des Wortes kaltgestellt, sein modern anmutender Verfassungsentwurf musste für Jahrhunderte der Vergessenheit anheimfallen, zeigt aber auch nach 500 Jahren noch eine beachtliche Leuchtkraft.
ERWIN SCHRANZ
HR Mag. DDr. Erwin Schranz, Gerichtsvorsteher i.R., Landtagspräsident a.D und
ehemals stellvertretender juristischer
Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche A.B.
Ein ausführlicher Beitrag zu Gaismairs Tiroler Landesordnung findet sich im Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich 2026, Nr. 141/142 (Leipzig 2026)
