Bethlehem 2000 Jahre später

Krippe an der Mauer, Foto: Mitri Raheb Bethlehem ist von drei Seiten von einer acht Meter hohen Mauer umgeben, Foto: Mitri Raheb
Krippe an der Mauer, Foto: Mitri Raheb Bethlehem ist von drei Seiten von einer acht Meter hohen Mauer umgeben, Foto: Mitri Raheb

Mitri Raheb, Lutherischer Pfarrer und Gründer sowie Präsident der Dar al-Kalima Universität in Bethlehem, schildert die Situation in Bethlehem im Jahr 2025

Meine Familie hat ihre Wurzeln in Bethlehem, dem Ort, an dem ich geboren wurde und in dem ich noch immer lebe. Die unmittelbare Nähe zu Jerusalem hat Bethlehem seit der Antike zu einem bedeutenden kommerziellen, religiösen und kulturellen Zentrum Palästinas gemacht. Als Handelsstadt ist Bethlehem ein wichtiger Knotenpunkt an der Hauptstraße zwischen Jerusalem und Hebron. Als Geburtsort Jesu Christi ist die Stadt zudem ein bedeutendes touristisches Ziel der Region. Zwischen den fruchtbaren Terrassen im Westen und der Wüste mit ihren Klöstern im Osten gelegen, ist Bethlehem ein lebendiger kultureller Treffpunkt für Bauern, Hirten und Stadtbewohner.

Das Christliche Dreieck in Israel

Zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert n. Chr. wurde diese Region zu einem Magneten und Zentrum des klösterlichen Lebens. Innerhalb von nur drei Jahrhunderten entstanden über 150 Klöster in der Wildnis von Bethlehem. Abgesehen von ihrem religiösen und klösterlichen Erbe ist die Wüste von Bethlehem heute auch ein touristisches Ziel mit großem Potenzial für Tierbeobachtungen, Wanderungen, Camping, Sternenbeobachtungen, Bergsteigen, Wüstenradfahren und Quadfahren. Das Stadtbild Bethlehems wird geprägt von zahlreichen Kirchtürmen und Moscheen. Hier, im sogenannten Christlichen Dreieck – dem Zusammenschluss der eng miteinander verbundenen Städte Bethlehem, Beit Sahour und Beit Jala – lebt die Hälfte aller palästinensischen Christen des Westjordanlands. Sie gehören verschiedenen Kirchen an: von der griechisch-orthodoxen über die römisch-katholische, evangelisch-lutherische, armenische bis hin zur syrisch-orthodoxen Kirche. Bethlehem war in seiner Geschichte mehrfach ein Zufluchtsort für verfolgte Christen. So fanden etwa Armenier und Syrer, die den osmanischen Genozid überlebt hatten, hier eine neue Heimat.

Die heutige Realität

Diese sieht jedoch anders aus. 86 Prozent des Landes im Verwaltungsbezirk Bethlehem stehen unter ausschließlicher israelischer Kontrolle – sei es durch Siedlungen oder durch militärische Nutzung. Nur 14 Prozent befinden sich unter palästinensischer Verwaltung. Den Bewohner*innen Bethlehems und der umliegenden Dörfer steht kaum noch Land zur Verfügung, um neue Wohngebiete zu errichten. Unter diesen Umständen beschreibt der Begriff „Besatzung“ nur unzureichend das, was in Palästina unter israelischer Kontrolle geschieht – nämlich die fortschreitende Kolonisierung und die aggressive Ausdehnung von Siedlungen auf palästinensischem Land im gesamten historischen Palästina. Diese Siedlungskolonien sind nach internationalem Recht illegal und stellen eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung dar.

Der Bezirk Bethlehem umfasst eine Fläche von 658 Quadratkilometern und hat rund 230.000 palästinensische Einwohner*innen. Israel besetzte das Westjordanland im Juni 1967, als ich fünf Jahre alt war. In den vergangenen 58 Jahren haben israelische Siedler*innen unsere Stadt zunehmend mit Siedlungskolonien umgeben. Seit den 1970er Jahren begann Israel mit dem Bau exklusiver jüdischer Kolonien auf Land, das zum Bezirk Bethlehem gehört. Heute existieren 27 Siedlungen mit fast 150.000 jüdischen Bewohnerinnen. Diese Kolonien werden von privaten israelischen Unternehmen und Immobilienfirmen auf erstklassigem palästinensischem Land errichtet. Viele Siedlerinnen, die zumeist westlich geprägt sind, eignen sich dieses Land an, um es ausschließlich für jüdisches Wohnen und Freizeitgestaltung zu nutzen. Die Investitionen in diese Siedlungen belaufen sich auf Milliarden von Dollar und stehen häufig in Verbindung mit amerikanischen Investoren wie Irving Moskowitz und Sheldon Adelson.

„Bethlehem war in seiner Geschichte mehrfach ein Zufluchtsort für verfolgte Christen.“

Was könnten Maria und Josef heute tun?

Bethlehem ist heute von drei Seiten von einer acht Meter hohen Mauer umgeben. Alle Straßen, die in die Stadt hinein- oder hinausführen, sind mit israelischen Militärschranken versehen, die per Fernbedienung geschlossen werden können – was den Menschen das Gefühl vermittelt, in einem Gefängnis zu leben. Insgesamt gibt es 56 solcher Sperren, die Bethlehem von den umliegenden Dörfern trennen, sowie drei große Checkpoints, die Bethlehem von Jerusalem abschneiden. Kein Palästinenser aus dem Westjordanland darf Jerusalem ohne eine vom israelischen Militär ausgestellte Genehmigung betreten – auch ich als Pfarrer nicht. „Könnten Maria und Josef heute überhaupt nach Bethlehem kommen?“ fragte mich kürzlich ein europäischer Journalist, nachdem er den „Checkpoint“ am Stadteingang passiert hatte. Dieser Kontrollpunkt erinnert stark an den Checkpoint Charlie im ehemaligen Ost-Berlin. Sichtbare Soldaten gibt es dort keine; sie sitzen hinter kugelsicheren, verspiegelten Fenstern. Auch Schilder sucht man vergeblich – nur eine anonyme Stimme weist den Weg: „Rechts … stopp … links …“. Dass ein solcher Checkpoint im 21. Jahrhundert existiert und von der Weltgemeinschaft toleriert wird, ist für die Betroffenen kaum zu begreifen.

Auf dem Weg zu einem gerechten Frieden

Die Wirtschaft Bethlehems hängt zu etwa 70 Prozent vom Tourismus ab. Viele Christen der Stadt sprechen dank ihrer Ausbildung in den 23 christlichen Schulen und zwei Universitäten neben Arabisch auch Englisch sowie Französisch, Deutsch, Italienisch oder Spanisch. Kein Wunder also, dass viele in den Tourismus investiert haben. Seit dem 7. Oktober 2023 jedoch bleiben die Tourist*innen aus. Hotels stehen leer, Souvenirläden sind geschlossen, und selbst die Geburtskirche wirkt verlassen. Viele Christen sind dadurch in Armut geraten; sie können ihre Kredite nicht mehr bedienen, und die Zinsen steigen Monat für Monat.

„Schätzungen zufolge haben in den letzten zwei Jahren etwa 200 christliche Familien die Region Bethlehem verlassen.“

Diese politische und wirtschaftliche Lage hat zu einer neuen Auswanderungswelle geführt. Schätzungen zufolge haben in den letzten zwei Jahren etwa 200 christliche Familien die Region Bethlehem verlassen und sich in Zypern, Griechenland, Spanien oder Portugal niedergelassen. Damit hat Bethlehem rund fünf Prozent seiner christlichen Bevölkerung verloren. Einige Christen in Bethlehem haben Verwandte in Gaza. Sie mussten mitansehen, wie die Welt dem dortigen Leid nicht nur tatenlos zusah, sondern einige westliche Länder dieses sogar indirekt ermöglichten. Etwa fünf Prozent der Christen im Gazastreifen wurden durch israelische Bombardierungen getötet. Angesichts des zunehmenden Terrors israelischer Siedler im Westjordanland fürchten die Christen nun auch um ihre eigene Existenz. Sie sehen, dass die westliche Welt nichts unternimmt, um sie zu schützen. Dennoch geben die Christen Bethlehems nicht auf, sich für einen gerechten Frieden einzusetzen. Durch diakonische Arbeit, Bildung und gelebten Glauben bemühen sie sich weiterhin, Lebensperspektiven zu schaffen. Sie hoffen, dass die Botschaft des Friedens, die vor zweitausend Jahren von den Engeln verkündet wurde, eines Tages hier Wirklichkeit wird. Bethlehem hat der Welt Jesus gegeben – es ist an der Zeit, dass die Welt Bethlehem den Frieden zurückschenkt.

Pfarrer Mitri Raheb
Gründer und Präsident der Dar al-Kalima Universität