Geschichte einer Ungerechtigkeit
Wie sehr das gewohnte Leben unter einer restriktiven Ausländer- und Flüchtlingspolitik leiden kann, schildert ein befreundeter Pfarrer aus den USA und die Erfahrungen mit der Ausländerbehörde I.C.E. Angelo Comino hat das Gespräch geführt und diesen Beitrag gestaltet.
Mein Name ist Victor Hernandez. Ich bin Psychotherapeut und presbyterianischer Pfarrer in einer methodistischen Kirche in Barcelona. Meine Familie stammt ursprünglich aus Mexiko, ist aber seit Jahrzehnten in den USA wohnhaft. Für viele Menschen in Österreich ist es schwer vorstellbar, wie Migration in den USA oft funktioniert: Selbst ohne gültige Papiere können Menschen dort über Jahre arbeiten, Steuern zahlen, Kinder zur Schule schicken, ja sogar Firmen eröffnen und Häuser kaufen. Es ist ein Leben im Dazwischen: bis jetzt geduldet im Alltag, aber nun durch das Trump-System mit Gewalt bedroht.
So erging es meiner Zwillingsschwester Ana.
Sie lebte seit fast 30 Jahren in Houston und hat eine gültige Green Card (Aufenthaltsgenehmigung). Dort hatte sie mit ihrem Mann (ohne Papiere) und ihrer 17-jährigen Tochter (US-Staatsbürgerin) ein Zuhause aufgebaut. Ana hat ihr Leben dem Dienst am Nächsten gewidmet: in der Kirche, in der Nachbarschaft. Doch all das zählt nicht, wenn Politik Menschen als politische Trophäen vorführt.
Im November brachte sie ihre Tochter zur Schule und verabschiedete sich von ihrem Mann, der zur Arbeit fuhr. Ana musste wegen einer administrativen Angelegenheit in ein Regierungsbüro. Ein gewöhnlicher Tag, bis die amerikanische Einwanderungsbehörde ICE das Gebäude umzingelte. Eine Razzia.
Ana und viele andere wurden festgenommen, gefesselt wie Kriminelle, abtransportiert, eingesperrt. Drei Tage lang ohne jeglichen Kontakt zu ihren Familien. In dieser Zeit hörte Ana Schreie, sah Menschen zusammenbrechen, spürte die nackte Angst: Was wird aus meinen Kindern? Wer füttert den Hund? Was passiert mit meinem Zuhause? Das ist kein „Vollzug von Recht“. Das ist ein System, das Menschen zerbricht, Menschen als politische Trophäen vorführt und sich dabei noch im Ton moralischer Überlegenheit gefällt.
Nach drei Tagen wurde Ana abgeschoben.
Mexiko versucht, die Menschen mit einem Aufnahmeprogramm vor kriminellen Banden zu schützen. Ana kam schließlich in das leere Haus unserer verstorbenen Eltern. Dort lebt sie nun getrennt von Mann und Tochter, und begleitet von der Angst, dass auch Leonardo jederzeit „dran“ sein könnte.
Als Christ:innen hören wir Gottes Wort: „Der Fremde soll euch sein wie ein Einheimischer, und du sollst ihn lieben wie dich selbst“ (Lv 19,34). Und Jesu Satz: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Ana sang mit anderen Frauen im Gefängnis Kirchenlieder – als Protestlieder gegen Ungerechtigkeit. Jetzt bleibt ihr nur das Gebet – nicht als Flucht, sondern als Widerstand. Und wenn ihr singt, singt aus Protest gegen Ungerechtigkeit.
Victor Hernandez
Angelo Comino
